Trauer

Kuss in der Sahara

Herzallerliebste Brunhilde,

es ist der erste Sommer ohne Dich, ein Sommer, der es verdient Sommer genannt zu werden. Der Frühling davor war warm und regenreich. Die Klematis haben wunderschön geblüht. Seit dem Siebenschläfertag, meinem Geburtstag, steigt die Temperatur kontinuierlich an und die fünfunddreißig Grad Grenze ist in Geilenkirchen erreicht. In Berkhamsted sind es knapp dreißig Grad. Seit dem ersten Juni Drittel hat es nicht mehr geregnet. Die Natur vertrocknet und die Brandgefahr ist sehr hoch.

Es kann um mich herum noch so schön sein, ich bin trotzdem sehr traurig, und je mehr Schönes ich sehe oder erlebe, um so trauriger werde ich. Nichts kann mich aufmuntern. Selbst die Enkelkinder schaffen es diesmal nicht. Im Gegenteil, wenn ich sie mir so anschaue, muss ich an Deine Worte drei Tage vor dem Tod denken, ‚ich soll statt Deiner für die Kinder da sein wenn Du stirbst‘. Es war übrigens das erste mal während Deiner Leidenszeit, dass Du vom Tod gesprochen hast. Auch die vielen jungen Wasservögel auf dem Kanal lassen mich bei Anblick ihres Treibens traurig werden. Hast Du es doch so geliebt, diese kleinen Kobolde bei ihrem Treiben zu beobachten.

Die Vorbereitungen für meine nächste Kolumbienreise können mich nur kurz mein Elend vergessen lassen.  Ist doch der Preis dafür zu hoch. Als wir uns vor siebzehn Jahren näherkamen, stand ich vor der Entscheidung für Dich oder mein geliebtes Kolumbien. Ich bin froh, mich für Dich entschieden zu haben, den Du hast mir eine wunderbare konfliktlose Zeit der Zweisamkeit, während der wir viel gereist sind, geschenkt, an die ich mich immer erinnern werde und für die ich Dir so unendlich dankbar bin.  Von Kolumbien habe ich mit der Gewissheit geträumt, da nie wieder hinzukommen, es war trotzdem schön.  Und jetzt, wo ich an eine Reise dorthin denken kann, zieht mich nichts mehr hin. Dein Tod hat mir die Motivation für alles, selbst für mein so geliebtes Kolumbien genommen. Egal, was ich mache, es ist immer ein schwerer Angang. Der Weg zurück in’s Leben ist steiniger, als ich anfangs dachte.

Nicht traurig sein, wie Du es Dir gewünscht hast, kann ich nicht. Diesen Wunsch vom Sterbebett kann ich Dir, so leid es mir tut, nicht erfüllen. Im Gegenteil, immer wenn ich daran denke, bin ich ganz unten und in mir schnürt sich alles zusammen. Du fehlst mir so sehr.

Dein Dich liebender Josef

 

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